directed: Ende des Popcorn-Kinos?
March 6th, 2007
Für das feine, im Umfeld der Berlinale erscheinende Magazin directed habe ich einen Text über Netzfilme beigesteuert. directed gibt es nur in Auszügen online, darum hier zum Nachlesen der Artikel in seiner ganzen Pracht:

Ende des Popcorn-Kinos?
Das schwarze Strichmännchen flieht von einer Bildschirmecke in die andere, versteckt sich vor seinem Erschaffer, dem Animator. Der verfolgt es mit seinem Mauszeiger, quält es, und das Männchen wehrt sich verzweifelt. Im Verlauf des Kampfes, der auf der Oberfläche des Animationsprogramms Flash tobt, feuern Kanonen Krater in die Pixellandschaft, allerlei geht zu Bruch. Am Ende triumphiert der Animateur über die von ihm geschaffene Kreatur und löscht sie buchstäblich aus.
Ein ähnliches Drama wie in diesem gutgemachtem, knapp zweiminütigen Internetfilmchen „Animator vs. Animation“ spielt sich zwischen der klassischen Filmindustrie und der digitalen Welt ab. Wer da wem schadet, hängt allerdings davon ab, wen man fragt. Gegen das Verbreiten von urheberrechtlich geschützten Filmen in Peer-to-Peer-Börsen fährt die Industrie schwere Geschütze auf: Auf Druck großer Medienkonzerne wird das Urheberrecht weltweit massiv verschärft, PR-Kampagnen drohen Raubkopierern mit martialischen Strafen und technische Sperren wie Digital Rights Management (DRM) funktionieren wie virtueller Stacheldraht und erschweren das Kopieren. Zum Entsetzen der Studiobosse fruchten aber all diese Maßnahmen wenig.
Mehr noch, eine Generation von Filmemachern und Konsumenten tritt an, die das Internet nicht etwa scheut wie die katholische Kirche Verhütungsmittel. Stattdessen begrüßt der Nachwuchs es als aufregendste Erfindung seit Einführung des Privatfernsehens und experimentiert mit den neuen Vertriebs- und Vergütungssystemen. Alan Becker etwa, der Macher von „Animator vs. Animation“, stellt sein Werk online frei zur Verfügung. Für ihn stellt das Netz der Netze keine Bedrohung dar, sondern ist gewissermaßen ein riesiger Kinosaal, der seinem Publikum rund um die Uhr offen steht. Der 17-Jährige ist mittlerweile eine Netzberühmtheit: Über 22 Millionen Mal (!) wurde sein Film heruntergeladen, und die Anzahl seiner Google-Hits dürfte die Mädchen an seiner Highschool in Ohio enorm beeindrucken.
Auch auf wirtschaftlicher Ebene sprengt Beckers Erstling das traditionelle Denkschema der Filmbosse. Obwohl er die von ihm geschaffen Bits und Bytes verschenkt, hat er bisher einen ordentlichen vierstelligen Betrag eingenommen. Seine Animation ist via revver.com abrufbar, ein Videohoster ähnlich wie YouTube, mit dem entscheidenden Unterschied, dass revver.com Werbeeiblendungen hinter die Clips schneidet. Werden diese angeklickt, zahlt der Anzeigenkunde an die in Los Angeles ansässige Firma. Dieses teilt die Einnahmen dann hälftig mit den Filmemachern.
Über 35.000 Dollar hat das Nonsens-Duo Eepy Bird mit ihrem zum Klassiker gewordenen „Diätcola und Mentos Experiment“ auf diese Weise eingestrichen. Die beiden „Wissenschaftler“ haben 500 der Kaubonbons in den Brauseflaschen platziert und die aufschießenden Fontänen choreographisch geschickt arrangiert und abgefilmt. Bläulich-verwaschene Bilder, ziemlich pixelig, waren das Ergebnis. Das US-Magazin People zeichnete den Dreiminüter als eines der herausragendsten Internetvideos des Jahres 2006 aus, mehrere Millionen Zuschauer wurden bisher gezählt. Angesichts dieser Erfolge kündigt Revver-Gründer Steven Starr maßlos optimistisch das „goldene Zeitalter des Internet-Sponsorings“ an. Und die Kreativen will er daran teilhaben lassen.
Die Urheberrechtspolitik von Revver erlaubt vieles von dem, wofür die Filmindustrie routinemäßig Klagewellen lostritt: So ist beispielsweise das freie Kopieren und Weiterverbreiten ausdrücklich erlaubt. Alle Videos stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz, das ist eine Art Urheberrecht für das Internet-Zeitalter, das Urhebern wie Usern eine flexiblere Handhabung ihrer Rechte ermöglicht.
Auch die in Amsterdam entstandene kunstvoll-rätselhafte Animation „Elephants Dream“ benutzt diese freie Lizenz. Anders als bei den beiden Revver-Filmen waren nicht talentierte Amateure am Werk, sondern Teilzeit-Profis. Außerdem hat das Team um den Produzenten und Open-Source-Programmierer Ton Roosendaal eine interessante Pionierleistung vollbracht: Der 120.000 Euro teure Zehnminüter wurde zu einem Viertel über DVD-Vorverkäufe finanziert. Ein halbes Jahr, bevor mit den Arbeiten zu dem Kurzfilm überhaupt begonnen wurde, waren genug Menschen dem Aufruf auf der projekteigenen Homepage gefolgt und hatten die Scheibe geordert. Auch dieses Werk fand mehr Zuschauer, als manches Multiplex Besucher anzieht.
Ob auf diese Weise auch abendfüllende Spielfilme entstehen können, versucht derzeit der britische Autor, Produzent und Regisseur Matt Hanson zu beweisen: Er will der erste sein, der einen Big-Budget-Spielfilm allein über Online-Netzwerke realisiert: Für rund 37 Euro können Interessierte Anteile an dem Projekt erstehen, das „A Swarm of Angels“ heißt. Damit erwirbt man gleichzeitig eine Art Mitgliedschaft, die dazu berechtigt, sich einzubringen und beispielsweise am Script mitzuschreiben. 50.000 Unterstützer sind nötig, um mit dem Drehen beginnen zu können. Eines von Matt Hansons Büchern trägt übrigens den Titel „The End of Zelluloid“. Vermutlich wird das analoge Filmmaterial den Weg gehen, den die Schallplatte gehen musste, als die CD den Markt eroberte - es wird Objekt der Begierde für Liebhaber und Enthusiasten.
Man kann die beschriebenen Projekte und Modelle als Boten einer neuen Bewegtbild-Ära verstehen, die Ästhetik, Urheberrechte und Vertriebs- und Erlösystem an die digitalen Gegebenheiten anpassen. Die am Zelluloid hängende und nach Popcorn riechende Kinokultur, die man im rotsamtenen Klappsessel genoß, wird eine andere werden. Ist das ein Verlust? Vielleicht. Jede Zeit hat ihre Medien, vor allem aber spalten Medien Generationen.
Alan Becker hat die Fortsetzung von „Animator vs. Animation“ übrigens an ein Unternehmen der Viacom-Gruppe verkauft, die es exklusiv für vier Monate auf ihrer Webseite zeigen dürfen. Danach wird der Clip frei im Netz kursieren.
Entry Filed under: Creative Commons, Netzkultur, film
2 Comments Add your own
1. netzpolitik.org: » &hellip | March 7th, 2007 at 10:06 am
[…] Meike Richter hat einen schönen Artikel über Netzfilme geschrieben: Ende des Popcorn-Kinos? Man kann die beschriebenen Projekte und Modelle als Boten einer neuen Bewegtbild-Ära verstehen, die Ästhetik, Urheberrechte und Vertriebs- und Erlösystem an die digitalen Gegebenheiten anpassen. Die am Zelluloid hängende und nach Popcorn riechende Kinokultur, die man im rotsamtenen Klappsessel genoß, wird eine andere werden. Ist das ein Verlust? Vielleicht. Jede Zeit hat ihre Medien, vor allem aber spalten Medien Generationen. von markus um 9:13 | abgelegt in General, Urheberrecht, Digitalkultur, creative commons Trackback URL | Comment RSS Feed Tag at del.icio.us | Incoming links […]
2. Commonspage.net » K&hellip | June 13th, 2007 at 4:57 pm
[…] die Macher von Elephants Dream haben die Anschubfinanzierung für ihren Animationsfilm via DVD pre-Order zusammenbekommen. Mehr Infos siehe auch mein Text für directed. […]
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