Posts filed under 'Creative Commons'
Hier wie versprochen die kommentierte Linkliste, Nachlese meines Vortrags “Freie Filme - Alternative Finanzierungs- Distributions- und Produktionsstrategien” im Rahmen des 23. Internationalen Kurzfilm Festival Hamburg.
CREATIVE COMMONS (cc)
Alternatives Urheberrecht, ersetzt “All rights reserved” durch “Some rights reserved”. Mehr bei irights.info und Wikipedia.
Lawrence Lessig
Amerikanischer Verfassungsrechtler, einer der Gründer und Aushängeschild von cc. Sein Blog, hier Mr. Lessig in action (Video bei blip.tv), sein Buch “Free Culture” (download).
ALTERNATIVE FINANZIERUNGSMODELLE
Videohoster
- revver.com: Geschäftmodell basiert auf cc, revver.com teilt Werbeerlöse mit den Menschen, die Videos hochladen.
- Weitere Videohoster, die Filmemacher vergüten: z.B. bli.tv, metacafe. Siehe auch diese Studie, die untersucht, wer zu welchen Bedingungen zahlt.
DVD-pre-Order
Anteilskauf
- A Swarm of Angels. Für rund 37 Euro kauft man sich in das Filmprojekt ein, erwirbt mit der Mitgliedschaft auch Mitspracherechte.
Spenden
- z. B. fundable. Plattform, wo Spender und Geldgeber zusammentreffen
- veb film Leipzig. Spenden sammeln via transparentem Online-Konto. veb Leipzig ist das erste deutsche open source filmlabel, haben den ersten deutschen Longplaymovie (Route 66) herausgebracht, der unter cc lizensiert wurde.
Kulturflatrate
- Pauschalabgabe auf Breitband-Internetanschluss, CD-Brenner, etc. Ähnliches Modell, wie es z. B. die GEMA in der Musikwelt praktiziert. Ist noch Zukunftsmusik, aber ein vielversprechendes Modell. Mehr Infos auch beim fairsharing-Netzwerk.
DISTRIBUTION
- brave new theaters. Webseite, wo Filmemacher und Filmvorführer sich untereinander organisieren: Filmemacher stellen ihre Filme ein, Menschen, die diesen Film aufführen möchten, melden die screenings dort an. Die Filmhoster müssen die DVD des Films erwerben, ob sie Eintrittsgelder verlangen, bleibt den hostern selbst überlassen. Wird in den USA hauptsächlich von politschen Dokumentarfilmern genutzt, die wegen ihrer Positionierung Mühe haben, einen Verleih zu finden.
KOLLABORATIVE FILMPROJEKTE
- Echo Chamber Project: Selbstbeschreibung: “The Echo Chamber Project is an open source, investigative documentary about how the television news media became an uncritical echo chamber to the Executive Branch leading up to the war in Iraq.”
- A Swarm of Angels (ASOA): Selbstbeschreibung: “A groundbreaking project to create a £1 million film and give it away to over 1 million people using the Internet and a global community of members.”
- Mymoviemashup: Myspace kopiert die ASOA-Idee.
KRITIK FREIES TEILEN
STICHWORT NETZÖKONOMIE
June 13th, 2007
Die Blender-Foundation, das sind die Leute um Ton Roosendaal und die Animation “Elephants Dream”, planen Neues. Mehr bei netzpolitik.org.
June 13th, 2007
Morgen geht es Richtung iCommons summit in Dubrovnik. Was die Konferenz will, steht hier:

This year, the iCommons Summit in Dubrovnik, Croatia brings together pioneers of the free Internet to make sure that, at its crossroads, we guide the world along a path that will enable the kind of free culture and decentralized innovation that has characterized the early years of the Internet. With a focus on both “big ideas” and practical examples of how open sharing on the Internet is driving business development, increased innovation, quality education and advances in science, the iCommons Summit is a must-attend for the pioneers with a stake in how the Internet must evolve in the future.
Hoffen wir mal, dass die hochgesteckten Ziele eingelöst werden. Falls nein, setze ich mich ans Meer und hole mir einen Sonnenbrand.
June 13th, 2007
Update: doch cclizensiert, Danke für den Hinweis.
Ich habe gerade Urlaub und darum endlich mal Zeit, dieses Blog mit Inhalt zu füllen. Noch ein cc-lizensierter Film ist mir über den Weg gelaufen: Good copy, bad copy. A documentary about the current state of copyright and culture. Habe noch nicht reingeschaut, leider läuft auch der Flash- Trailer wie üblich nicht richtig unter Kubuntu. Gemacht ist der Film von Andreas Johnsen, Ralf Christensen und Henrik Moltke.
Featuring, in order of appearance:
DR LAWRENCE FERRARA, Director of Music Department NYU
PAUL V LICALSI, Attorney Sonnenschein
JANE PETERER, Bridgeport Music
DR SIVA VAIDHYANATHAN, NYU
DANGER MOUSE, Producer
DAN GLICKMAN, CEO MPAA
ANAKATA, The Pirate Bay
TIAMO, The Pirate Bay
RICK FALKVINGE, The Pirate Party
LAWRENCE LESSIG, Creative Commons
RONALDO LEMOS, Professor of Law FGV Brazil
CHARLES IGWE, Film Producer Lagos Nigeria
MAYO AYILARAN, Copyright Society of Nigeria
OLIVIER CHASTAN, VP Records
JOHN KENNEDY, Chairman IFPI
SHIRA PERLMUTTER, Head of Global Legal Policy IFPI
PETER JENNER, Sincere Management
JOHN BUCKMAN, Magnatune Records
BETO METRALHA, Producer Belém do Pará Brazil
DJ DINHO, Tupinambá Belém do Pará Brazil
Das ist ja eine illustre Mischung.
June 5th, 2007
Fundstück: brickfilme sind Stop-Motion-Animationen mit Lego und lustig anzusehen. Diese hier von Mirko Horstmann werde ich nicht auf dem Kurzfilmfestival zeigen, aber anschauen lohnt. Vor allem “Der Fische und seine Frau” - das nachgebaute Kanzleramt ist super. Mirko hat all seine Sachen unter der Lizenz “Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5″ frei gegeben.

June 5th, 2007
Am Donnerstag, 7. Juni, 12 Uhr, halte ich einen Vortrag auf dem 23. Internationalen Kurz Film Festival Hamburg:
Work in progress: Film 2.0
Dank Breitband-Revolution, Tauschbörsen und Videohostern ist das Internet ein riesiger Kinosaal geworden. Auch die Filmemacher nutzen den digitalen Raum und experimentieren mit alternativen Produktions-, Finanzierungs-, und Erlösmodellen. Die preisgekrönte Animation “Elephants Dream” steht beispielsweise frei verfügbar als Download im Netz, die Produktionskosten von 120.000 Euro wurden zu einem Viertel via projekteigener Webseite über DVD-Vorverkäufe generiert. Die Macher des Zehnminüters, der weit über eine Million Zuschauer gefunden hat, gehen auch urheberrechtlich neue Wege. Der Kurzfilm steht unter einer Creative Commons-Lizenz, einer Art Lizenz für das Internet-Zeitalter, die Urhebern wie Konsumenten eine flexiblere Handhabung ihrer Rechte ermöglicht und unter Umständen sogar das freie Tauschen und Kopieren erlaubt. Projekte wie “A Swarm of Angels” oder “Echo Chamber” wollen dagegen den Produktionsprozess neu erfinden und binden die Netzgemeinde kolaborativ in den Entstehungsprozess des Films ein. Dieser Vortrag der Kulturwissenschaftlerin Meike Richter stellt die neuen Entwicklungen vor. Wo liegen die Chancen, wo die Risiken? Vor allem: Wenn das Werk im Netz umsonst erhältlich ist – wer bezahlt dann für die Arbeit?
Anschließend gibt es ein knapp halbstündiges Filmprogramm zu sehen mit Filmen, die unter Creative Commons lizensiert sind. Der Vortrag ist in englischer Sprache und läuft unter dem Programm-Schwerpunkt “Work in Progress” - da gibt’s ja einiges zu erzählen. Ich freue mich aufs Publikum.
June 5th, 2007
Seit einiger Zeit trage ich unausgegore Gedanken mit mir herum, in etwa: So wie neue Studiotechnik in den 80er Jahren das Sampling und damit den HipHop als neues Genre etablierte, wird neue Film-Mashup-Technik ebenfalls spannende Kunstformen hervorbringen. Reinhard W. Wolf ist schon ein bisschen weiter. Sein Artikel auf der Seite des Kurzfilmmagazins verschafft einen Einblick ins Thema.
June 4th, 2007
Heribert Prantl ist halt der Beste, da gibt es nicht zu deuteln. Heute schreibt er in der SZ über Urheberrecht.
Zwei Klicks vom Abgrund entfernt
Angesichts millionenfacher Rechtsverletzungen ist fraglich, ob das Urheberrecht noch eine Zukunft hat
Aufhänger ist die 1-Milliarde-Dollar-Klage von Viacom gegen YouTube. Lawrence Lessig wird zitiert.
Plädoyer für die Piraterie
Den intellektuellen Unter- und Überbau für den ungenierte Zugriff auf geistiges Eigentum hat der amerikanische Rechtsprofessor Lawrence Lessig von der Stanford Universität geschaffen. Er plädiert - nachdem es ja auch den freien Markt und die freie Rede gebe - für eine Freiheit der Kultur, die von Patenten und Urheberrechten nicht behindert werden dürfe. Piraterie, also Urheberrechtsverletzung, sei zwangsläufig Teil der kulturellen Fortentwicklung.
Weil die meisten Patente und Urheberrechte heute von wenigen Konzernen gehalten würden, besteht nach seiner Meinung die Gefahr eines Kulturfeudalismus. “Creative Commons” heißt die von Lessig inspirierte Bewegung. Sie will das Urheberrecht nicht abschaffen, aber stark zurückschrauben.
Seine Thesen hat der Urheberrechtszerstörer Lessig in dem Buch “Freie Kultur. Wesen und Zukunft der Kreativität” zusammengefasst, das vor einem guten Jahr auch auf Deutsch erschienen ist. Ganz unrecht hat Lessig mit seiner Kritik an der feudalisierten Kulturindustrie nicht, aber er übersieht, dass die modernen Feudalherren, die Großkonzerne der Verlags-, Film - und Musikindustrie, also die Vermarkter, dem kreativen Geist immerhin noch Geld zahlen (wenn auch oft viel zu wenig). Das würde ganz aufhören, wenn jeder auf alles jederzeit und umsonst zugreifen kann.
Naja. Es braucht eben neue Vergütungsmodelle, und die funktionieren noch nicht gut. Lessig trägt schon ziemlich dick auf, er ist halt Amerikaner und Medienprofi. In seinen Büchern finden sich durchaus differenzierte Sichtweisen der ganzen Urheber-Melange. Creative Commons hat nichts mit Enteignung zu tun. Aber schön, dass seinen Position immer ernster genommen wird. Im Dezemnber hatte er ja schon mal eine ganze Seite im Feuilleton der SZ.
UPDATE am 18.03.: In meinem grenzenlosen Respekt für Herrn Prantl habe ich einige unfaire/ unpassende Passagen glatt überlesen. Das fiel mir am Freitag auf, als ich mich plötzlich inmitten einer flammenden Verteidigungsrede (ich war die Vortragende) für Creative Commons & Lessig wiederfand. Das Ganze erwuchs aus einem Gespräch mit den geschätzten Kolleginnen während der Mittagspause. Die Damen hatten im Gegensatz zu mir aufmerksam die SZ gelesen, und ich musste dann ein paar Sachen gerade rücken.
Also: Prantl nennt Lessig einen “Urheberrechtszerstörer”. Das klingt schön radikal, ist aber ein klassischer Fall von “der Überbringer der schlechten Nachricht wird mit der Nachricht verwechselt”. Das klassische Urheberrecht wird ausgehöhlt von den neuen Technologien, nicht von Lessig. Lessig beschreibt diese Realität, er liefert damit aber mitnichten “… den intellektuellen Unter- und Überbau für den ungenierte Zugriff auf geistiges Eigentum”.
Und nun kann man - wie Herr Prantl - ein wenig den guten alten Zeiten nachtrauern, als es das Internet noch nicht gab und die Schöpfer ihr Einkommen mehr schlecht als recht von den Rechteverwertern/ Konzernen bezogen. Lessig aber hat etwas gemacht, was kritische Geister selten hinbekommen: Nach dem Buchschreiben und theoretisieren hat er eine Initiative - Creative Commons - ins Leben gerufen, die neue Wege (flexiblere Lizenzmodelle) auslotet, damit Kreative trotz Internet und freiem Teilen dennoch irgendwie zu einem Einkommen kommen.
Creative Commons-Lizenzen beispielsweise erlauben nicht automatisch den vollen Zugriff auf geistige Schöpfungen. Ein Urheber kann bsp. sein Werk frei zum Kopieren und Weiterverarbeiten zu nichtkommerziellen Zwecken freigeben. Möchte jemand/ ein Konzern das Werk aber kommerziell nutzen, muss er diese Verwertungsform den Urheber abkaufen. Die Einnahmequelle ist immer noch da. Nur nicht um den Preis, dass unzählige Privatpersonen krimininalisiert und daran gehindert werden, das Internet und seine Möglichkeiten so zu nutzen, wie wir es alle eben nutzen.
Creative Commons hat keinen Masterplan, und Lessig ist nicht der Messias des Schöpfer-Prekariats. Aber Lessig & Co. erkennen wenigstens die Realitäten an und suchen nach Lösungen. Es findet derzeit ein mächtiger Paradigmenwechsel statt, es wird Jahre brauchen, bis Verwertungsgesellschaften, das Recht, die Schöpfer, die Rechteverwerter und die Politik Wege finden, um die Technologie, die Bedürfnisse der Schöpfer und der Gesellschaft in Einklang zu bringen. Die Strategie “Wir passen das Internet an das System an, was auf die analogen Medien gepasst hat” ist dämlich. Weil: die Erfindungsgabe der Entwickler lässt sich davon nicht entschärfen. (Nur um den Preis eines kontrollierten, unfreien, undemokratischen und scheißlangweiligen Internets.) Darum bitte den konstruktiveren Weg wählen und das Rechts- und Vergütungssystem an die neuen Technologien anpassen.
Wie das aussehen soll? Vorschläge bitte mitteilen - ich bin extrem neugierig.
March 15th, 2007
Für das feine, im Umfeld der Berlinale erscheinende Magazin directed habe ich einen Text über Netzfilme beigesteuert. directed gibt es nur in Auszügen online, darum hier zum Nachlesen der Artikel in seiner ganzen Pracht:

Ende des Popcorn-Kinos?
Das schwarze Strichmännchen flieht von einer Bildschirmecke in die andere, versteckt sich vor seinem Erschaffer, dem Animator. Der verfolgt es mit seinem Mauszeiger, quält es, und das Männchen wehrt sich verzweifelt. Im Verlauf des Kampfes, der auf der Oberfläche des Animationsprogramms Flash tobt, feuern Kanonen Krater in die Pixellandschaft, allerlei geht zu Bruch. Am Ende triumphiert der Animateur über die von ihm geschaffene Kreatur und löscht sie buchstäblich aus.
Ein ähnliches Drama wie in diesem gutgemachtem, knapp zweiminütigen Internetfilmchen „Animator vs. Animation“ spielt sich zwischen der klassischen Filmindustrie und der digitalen Welt ab. Wer da wem schadet, hängt allerdings davon ab, wen man fragt. Gegen das Verbreiten von urheberrechtlich geschützten Filmen in Peer-to-Peer-Börsen fährt die Industrie schwere Geschütze auf: Auf Druck großer Medienkonzerne wird das Urheberrecht weltweit massiv verschärft, PR-Kampagnen drohen Raubkopierern mit martialischen Strafen und technische Sperren wie Digital Rights Management (DRM) funktionieren wie virtueller Stacheldraht und erschweren das Kopieren. Zum Entsetzen der Studiobosse fruchten aber all diese Maßnahmen wenig.
Mehr noch, eine Generation von Filmemachern und Konsumenten tritt an, die das Internet nicht etwa scheut wie die katholische Kirche Verhütungsmittel. Stattdessen begrüßt der Nachwuchs es als aufregendste Erfindung seit Einführung des Privatfernsehens und experimentiert mit den neuen Vertriebs- und Vergütungssystemen. Alan Becker etwa, der Macher von „Animator vs. Animation“, stellt sein Werk online frei zur Verfügung. Für ihn stellt das Netz der Netze keine Bedrohung dar, sondern ist gewissermaßen ein riesiger Kinosaal, der seinem Publikum rund um die Uhr offen steht. Der 17-Jährige ist mittlerweile eine Netzberühmtheit: Über 22 Millionen Mal (!) wurde sein Film heruntergeladen, und die Anzahl seiner Google-Hits dürfte die Mädchen an seiner Highschool in Ohio enorm beeindrucken.
Auch auf wirtschaftlicher Ebene sprengt Beckers Erstling das traditionelle Denkschema der Filmbosse. Obwohl er die von ihm geschaffen Bits und Bytes verschenkt, hat er bisher einen ordentlichen vierstelligen Betrag eingenommen. Seine Animation ist via revver.com abrufbar, ein Videohoster ähnlich wie YouTube, mit dem entscheidenden Unterschied, dass revver.com Werbeeiblendungen hinter die Clips schneidet. Werden diese angeklickt, zahlt der Anzeigenkunde an die in Los Angeles ansässige Firma. Dieses teilt die Einnahmen dann hälftig mit den Filmemachern.
Über 35.000 Dollar hat das Nonsens-Duo Eepy Bird mit ihrem zum Klassiker gewordenen „Diätcola und Mentos Experiment“ auf diese Weise eingestrichen. Die beiden „Wissenschaftler“ haben 500 der Kaubonbons in den Brauseflaschen platziert und die aufschießenden Fontänen choreographisch geschickt arrangiert und abgefilmt. Bläulich-verwaschene Bilder, ziemlich pixelig, waren das Ergebnis. Das US-Magazin People zeichnete den Dreiminüter als eines der herausragendsten Internetvideos des Jahres 2006 aus, mehrere Millionen Zuschauer wurden bisher gezählt. Angesichts dieser Erfolge kündigt Revver-Gründer Steven Starr maßlos optimistisch das „goldene Zeitalter des Internet-Sponsorings“ an. Und die Kreativen will er daran teilhaben lassen.
Die Urheberrechtspolitik von Revver erlaubt vieles von dem, wofür die Filmindustrie routinemäßig Klagewellen lostritt: So ist beispielsweise das freie Kopieren und Weiterverbreiten ausdrücklich erlaubt. Alle Videos stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz, das ist eine Art Urheberrecht für das Internet-Zeitalter, das Urhebern wie Usern eine flexiblere Handhabung ihrer Rechte ermöglicht.
Auch die in Amsterdam entstandene kunstvoll-rätselhafte Animation „Elephants Dream“ benutzt diese freie Lizenz. Anders als bei den beiden Revver-Filmen waren nicht talentierte Amateure am Werk, sondern Teilzeit-Profis. Außerdem hat das Team um den Produzenten und Open-Source-Programmierer Ton Roosendaal eine interessante Pionierleistung vollbracht: Der 120.000 Euro teure Zehnminüter wurde zu einem Viertel über DVD-Vorverkäufe finanziert. Ein halbes Jahr, bevor mit den Arbeiten zu dem Kurzfilm überhaupt begonnen wurde, waren genug Menschen dem Aufruf auf der projekteigenen Homepage gefolgt und hatten die Scheibe geordert. Auch dieses Werk fand mehr Zuschauer, als manches Multiplex Besucher anzieht.
Ob auf diese Weise auch abendfüllende Spielfilme entstehen können, versucht derzeit der britische Autor, Produzent und Regisseur Matt Hanson zu beweisen: Er will der erste sein, der einen Big-Budget-Spielfilm allein über Online-Netzwerke realisiert: Für rund 37 Euro können Interessierte Anteile an dem Projekt erstehen, das „A Swarm of Angels“ heißt. Damit erwirbt man gleichzeitig eine Art Mitgliedschaft, die dazu berechtigt, sich einzubringen und beispielsweise am Script mitzuschreiben. 50.000 Unterstützer sind nötig, um mit dem Drehen beginnen zu können. Eines von Matt Hansons Büchern trägt übrigens den Titel „The End of Zelluloid“. Vermutlich wird das analoge Filmmaterial den Weg gehen, den die Schallplatte gehen musste, als die CD den Markt eroberte - es wird Objekt der Begierde für Liebhaber und Enthusiasten.
Man kann die beschriebenen Projekte und Modelle als Boten einer neuen Bewegtbild-Ära verstehen, die Ästhetik, Urheberrechte und Vertriebs- und Erlösystem an die digitalen Gegebenheiten anpassen. Die am Zelluloid hängende und nach Popcorn riechende Kinokultur, die man im rotsamtenen Klappsessel genoß, wird eine andere werden. Ist das ein Verlust? Vielleicht. Jede Zeit hat ihre Medien, vor allem aber spalten Medien Generationen.
Alan Becker hat die Fortsetzung von „Animator vs. Animation“ übrigens an ein Unternehmen der Viacom-Gruppe verkauft, die es exklusiv für vier Monate auf ihrer Webseite zeigen dürfen. Danach wird der Clip frei im Netz kursieren.
March 6th, 2007
Der seit Eeeeeeeeeeeeewigkeiten angekündigte längere Text über “A Swarm of Angels” ist fertig. Es hat so lange gedauert, weil ich mir in der Weihnachtszeit eine so gewaltige Plautze angefressen habe, dass ich mit den Händen nicht mehr an die Tastatur gekommen bin. Eine gekürzte Version (die freie-Software-Schiene ist rausgeflogen) findet sich bei bei zuender.zeit.de Viel Spaß beim Lesen:
Matt Hanson verbringt einen Großteil seines Tages in digitalen Welten, vor seinem schneeweißen Mac. Seine Freundin nennt ihn manchmal einen Internet-Junkie. Die zweite Leidenschaft des Briten ist der Film, er arbeitet als Regisseur. Es gab in den letzten Jahren ein paar wichtige Momente, als sich mit dem Öffnen des Browserfenster faszinierende Webseiten und Ideen auftaten, die ihm keine Ruhe mehr ließen. Hanson begann, Konzepte zu entwickeln, die seine beiden Interessen vereinen sollten. Das Ergebnis seiner Überlegungen trägt den Namen „A Swarm of Angels“ (ASOA) und ist ein eine Million Pfund Filmprojekt. Fremden stellt Hanson sich nicht mehr als Regisseur vor, sondern – mit einem kleinen, verlegenen Lächeln – als Film-Futurist.
Cinema 2.0
ASOA soll ein Thriller mit Science-Fiction-Elementen werden, Hanson will digital drehen. Vor allem soll es seinen großen Traum, den Traum aller Filmemacher, erfüllen: Unabhängig will er arbeiten, kein auf Gewinn schielender Studioboss soll ihm reinreden können. Sein Projekt ist nicht auf millionenschwere Produzenten angewiesen, um die Finanzierung zusammen zu bekommen. Auch nicht auf einen Filmverleih. Sein künftiges Publikum muss keinen Kinosaal mehr betreten, um ASOA zu sehen, sondern kann sich den Streifen über Internet-Tauschbörsen herunterladen. Matt Hanson will seinen Traum über Online-Netzwerke realisieren. Wenn sein Vorhaben gelingt, löst er nebenbei die oft haltlose Versprechung ein, dass das Internet die mächtigen Konzernkönige der analogen Welt stürzt und stattdessen die User auf den Thron setzt. Dann ist Matt Hanson der Totengräber der klassisch organisierten Filmbranche – und vielleicht der Bote einer neuen Bewegtbild-Ära, die Studiosystem und Zelluloid weit hinter sich lässt.
Der Konsument produziert
Produktionsfirmen überzeugen, Förderungen beantragen, langwierige Verhandlungen mit Sponsoren führen und sich kommerziellen Interessen beugen – diesen Teil des Filmemachens hat der 35-Jährige immer gehasst. Er ist angetreten, um die Zwänge der Branche zu umgehen, und das Internet soll ihm dabei helfen: „Die Idee ist, dass man Anteile an ASOA kauft,“ erklärt er. Für 25 Pfund, rund 37 Euro, können Interessierte eine Art Mitgliedschaft erwerben. Dann wird man Teil des Engelschwarms, wie Hanson seine Unterstützergemeinde nennt. 50.000 braucht er insgesamt, um mit dem Drehen beginnen zu können. Rund 800 Menschen haben sich bisher auf der Webseite www.aswarmofangels.com angemeldet. „Mit der Mitgliedschaft erwirbt man gleichzeitig das Recht, an der Entstehung des Films mitzuwirken“, führt Hanson aus. „Die Leute können beispielsweise am Script mitschreiben.“ Im Forum der Online-Plattform stimmen Mitglieder darüber ab, welche Vorschläge den Weg in das Projekt finden. Der umtriebige Brite will die „Sprache und Technologie des 21. Jahrhunders benutzen“, um dem Prozess des Filmemachens ein Update zu verpassen. Über Erfahrung mit digitalem Film verfügt Matt Hanson reichlich: Vor zehn Jahren gründete er das erste digitale Filmfestival onedotzero in London. Seit Mitte der 90er Jahre dreht er Kurzfilme, produziert Fernsehserien und schreibt Bücher über die Thematik. Eines trägt den Titel „Das Ende des Zelluloids“. Schon früh prophezeite er, dass das Internet und digitale Produktionsmittel auch die Kinolandschaft umkrempeln würden. ASOA ist nur die logische Konsequenz seiner Arbeit. All seine Ideen und Gedanken fließen in diesem Projekt zusammen.
Ein gerechtes Web 2.0?
Es findet sich viel Web 2.0 in ASOA. Der Begriff geistert seit einiger Zeit inflationär durch das Internet, Vorträge von IT-Managern und Feuilletons. Abzüglich des Hype drum herum ist die Entwicklung, die er meint, durchaus ernst zu nehmen: Der Netzbürger – und nicht Profi-Redakteure - gestaltet Webinhalte zunehmend selbst. Dienste wie Wikipedia, Youtube oder MySpace ziehen die Massen an, user generated content heißt das Zauberwort. Hansons Engelschwarm soll nach diesem Muster funktionieren, mit dem Unterschied, dass zur gängigen Web 2.0-Praxis die Engagierten – egal ob Scriptwriter oder Schauspieler – vergütet werden sollen.
Frei meint nicht kostenlos
Im Grunde macht Matt Hanson nichts anderes, als das Erfolgsrezept aus der Welt der freien Software in die Welt des Kinos zu kopieren: Freie Software – wie beispielsweise das Betriebssystem GNU/Linux - entsteht in losen, über das Internet vernetzten Gemeinden von freien Programmierern und kommerziellen Firmen. Hier gelten andere ökonomische und soziale Gesetze als bei proprietärer Software, etwa dem Betriebssystem Windows von Microsoft. Zum einen ist der „Bauplan“ der Software, der sogenannte Quellcode, für jeden offen zugänglich und darf verändert werden. Und anders als beim Microsoft-Modell ist die Software kostenlos erhältlich. Verdient wird nicht mit der Erhebung von Lizenzgebühren, sondern mit Service-Leistungen um die Software herum. Man könnte sagen, dass Hanson, indem er den Filmstoff zusammen mit seinen Engeln entwickelt, den Bauplan des Werks freigibt. Und genau wie freie Software unter speziellen Lizenzen steht, etwa der General Public Licence (GPL), die das freie Kopieren und Verändern des Code ausdrücklich festschreibt, so soll auch ASOA unter einer Creative-Commons-Lizenz freigegeben werden, das ist eine Art GPL für künstlerische Werke.
Programmierer-Träume
Auch Freie Software geht auf den großen Traum von der Unabhängigkeit zurück, geträumt von dem amerikanischen Informatiker Richard Stallman und dem Finnen Linus Torvalds. Stallman, ehemaliger MIT-Mitarbeiter und Hackerpionier der ersten Stunde, wollte die in den 70er Jahren einsetzende Entwicklung nicht akzeptieren, dass die Quellcodes von Software zunehmend proprietär und dem Zugriff der Benutzer entzogen wurden. Damals begriffen die IT-Firmen langsam, dass Software mehr als eine Art Benutzerhandbuch für Rechenmaschienen war, nämlich ein kommerzielles Gut. Stallman wehrte sich gegen die Privatisierung des Code und gründete das GNU-Projekt mit dem Ziel, ein freies Betriebssystem zu schaffen. Stallman wollte keine digitalen Geheimcodes, er wollte frei arbeiten. Sein System gedieh mit Hilfe zahlreicher Unterstützer. 1994 lieferte Informatikstudent Torvalds den letzten noch fehlenden Baustein, den Kernel, die zentrale Recheneinheit und Herz eines jeden Betriebssystems. Auch der Finne war leidenschaftlicher Programmierer. Er wünschte sich einfach ein System, das seinen Ansprüchen genügte. Und da es das nicht gab, initierte er mit den Werkzeugen aus dem GNU-Projekt das System, was heute unter dem namen Linux weltweit auf Millionen Webservern und privaten Rechnern läuft. Wenn Matt Hanson seinen Traum verwirklichen kann, wird er ein Bruder Stallmanns und Torvalds.
Mitbestimmung und Mythos
Wie die beiden schillernden Protagonisten der freien-Software-Szene lässt Hanson andere die Gestalt seines Traumes mitbestimmen – und genau wie die zwei Programmierer in ihrer Funktion als allgemein respektierte „gütige Diktatoren“ ihre Projekte maßgeblich steuern, so formt auch Matt Hanson seinen Engelschwarm nach seinen Vorstellungen. ASOA ist alles andere als basisdemokratisch organisiert. Was zur Abstimmung kommt, entscheiden Initiator Matt Hanson und eine Handvoll Vertrauter, die sich besonders um das Projekt verdient gemacht haben. Hansons künstlerische Vorstellungen bilden den Rahmen des Films. So schreibt er zur Zeit an zwei Drehbüchern, an „The Glitch“ und an „The Unfold“. Beim Schreiben holt er sich Rat und Ideen von Schwarm-Mitgliedern. Am Ende wird die Community abstimmen, welches Drehbuch in Produktion geht. Ein anderes Schwarm-Mitglied, ein Profi-Illustrator, hat die ASOA-Poster entworfen. Matt Hanson ließ abstimmen, welches die Schwarmmitglieder haben wollten – die Mehrheit entschied sich für das blaue Plakat. Nach diesem Muster arbeitet auch die freie Software Community: Jeder darf Code beisteuern – welche Codeschnipsel in die offizielle Endversion kommt, entscheidet letztlich eine kleine Gruppe um die Projektspitze. Hanson weiß um den undemokratischen Charakter seines Systems. „Die Möglichkeit einer Meuterei gibt es nicht“, sagt er. Ein so komplexes Projekt wie ein Film brauche eine Gemeinschaft vertrauenswürdiger Stimmen, um dem Chaos einer viralen Kakophonie zu entgehen.
Ein meritokratisches System
So hat er sich ein fein ausgeklügeltes hierarchisches System für seinen Engelsschwarm ausgedacht, das den Namen „The Nine Orders“ trägt. Innehalb des Schwarms gibt es drei Ebenen, in denen verschiedene Rechte, Pflichten und Machtbefugnisse gelten. Einfache Schwarmmitglieder, die Engel, können sich durch Engagement zu Erzengeln oder sogar Cherubs hocharbeiten und damit ihrer Stimme innherhalb der Community Gewicht verleihen. Rund 10 Prozent aller Mitglieder beteilige sich aktiv am Projekt, schätzt Hanson. Politikwissenschaftler nennen so etwas ein meritokratisches System: Wer was kann, darf herrschen. Dieses Prinzip ist leicht anwendbar bei Programmierern. Entweder, der Code funktioniert, oder eben nicht. In ästhetischen Fragen aber gibt es kein klares richtig oder falsch. „An dem Punkt greift meine künstlerische Vision als Filmemacher,“ sagt Hanson. „Ich weiß genau, was ich will. Aber ich vertraue auch der Community, dass sie mir helfen, den Film besser zu machen.“ ASOA bleibt sein Projekt. „Dieser Prozess gibt dem Filmemacher mehr Raum, als das in den gegenwärtigen klassischen Strukturen der Filmbranche möglich ist“, hofft er. Das Ganze sei ein künstlerisches Experiment. „Ich muss nicht den Wünschen des Marktes gehorchen – sondern kann meine eigenen Vorstellungen und die der Community umsetzen.“
Vertrauen ist die Währung, auf die es ankommt
Noch steckt das Projekt in einer Frühphase. Der Mann, der das Kino revolutionieren will, sitzt im beschaulichen englischen Seebad Brighton und tüftelt zusammen mit den ersten Freiwilligen an den Drehbüchern. Enthusiasten will er via Internet um sich versammeln. Diverse Filmprofis haben die 25 Pfund schon überwiesen. Auch die eine oder andere Netzpersönlichkeiten wie etwa Cory Doctorow, ein prominenter Science Fiction Autor und Netzbügerrechtler, zählt zu seinen Engeln. Bevor ASOA den Massen geöffnet wird, will Hanson aber erst ein transparentes Finanzverwaltungssystem installieren. Alle sollen nachvollziehen können, wie die Gelder ausgegeben werden, verspricht er. Hanson weiß, dass ASOA nur gedeiht, wenn die virtuelle Gemeinde ihm vertraut. Manchmal frage er sich schon, ob er den Herausforderungen dieses Projektes gewachsen ist. Und ob alles gut durchdacht ist. Er brennt für diese Idee, er ist irgendwann einfach online gegangen, quasi im Beta-Stadium – und damit in bester Web 2.0-Manier.
Hanson ist nicht der erste, der einen Film mithilfe von Online-Netzwerken realisiert. Im Sommer 2006 machte die 120.000 Euro teure Produktion „Elephants Dream“ Schlagzeilen. Die zehnminütige Animation wurde zu einem Viertel über DVD-Vorverkäufe finanziert. Ein halbes Jahr, bevor mit den Arbeiten zu dem Kurzfilm überhaupt begonnen wurde, waren genug Menschen dem Aufruf auf der projekteigenen Homepage gefolgt und hatten die Scheibe geordert. Innerhalb weniger Monate fand das Filmchen über eine halbe Million Zuschauer im Netz. Die Macher von Elephants Dream haben haben übrigens ausschließlich mit freier Software gearbeitet.
January 3rd, 2007
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