Bücherfluch

October 7th, 2007

Im November gebe ich wieder ein Seminar an der Leuphana Universität Lüneburg, zusammen mit Dr. Rolf Grossmann. Titel: Netzwerkgesellschaft und Digital Divide: die Teilhabe an der kulturellen Produktion. Dafür fuchse ich mich gerade in die Geschichte des Urheberrechts ein. In einem Text von Thomas Dreier und Georg Nolte (aus dem Sammelband “Wissen und Eigentum, auch als pdf zum runterladen) bin ich auf den “Bücherfluch” gestoßen. Bis ins Mittelalter gab es kein rechtlich durchsetzbares Urheberrecht. Raubkopieren war zwar verpönt, aber wenn beispielsweise ein Buch gegen den Willen eines Autors gedruckt wurde, konnte er nichts weiter tun als den Übeltäter zu verfluchen. Hier findet sich ein nette Flüche:

Steal not this book, my worthy friend
For fear the gallows will be your end;
Up the ladder, and down the rope,
There you’ll hang until you choke;
Then I’ll come along and say -
“Where’s that book you stole away?”

Auch schön:

For him that Stealeth a Book from this Library,
Let it change into a Serpent in his hand & rend him.
Let him be struck with Palsy, & all his Members blasted.
Let him languish in Pain crying aloud for Mercy,
Let there be no Surcease to his Agony till he sink to Dissolution.
Let Bookworms gnaw his Entrails in token of the Worm that dieth not,
When at last he goeth to his final Punishment,
Let the flames of hell consume him for ever & aye.

So, und wenn wir mal ehrlich sind, liebe Musikindustrie und überhaupt liebe Kreative: Heute ist die Situation nicht anders. Die Verbreitung urheberrechtlich geschützter Werke via Internet ist nicht zu unterbinden. Unmöglich. Theoretisch reicht ein einziges Werkexemplar, um die Internetuser der Welt damit zu versorgen. Ok, ihr könnt Tauschbörsennutzer verklagen, bis der Arzt kommt. Das Problem bleibt. So vielen Menschen kann man nicht die Anwälte auf den Hals hetzen, wie Tauschbörsen genutzt werden. DRM vergrault die Kunden, ist eine Sackgasse und scheint ja derzeit wieder auf dem Rückzig.

Kopierbarkeit ist kein Malheur des Internets, sondern seine Grundeigeigenschaft. Damit muss man leben lernen. Geschäftsmodelle anpassen. Die Verwertungsgesellschaften müssen darauf eingehen. Solange die Industrie so weiter macht wie bisher, landet viel Geld bei Anwälten, die sich mit den ganzen Rechtsstreitigkeiten goldene Anwaltsnasen verdienen. Den Urhebern bleibt das Fluchen. Ich bin ja nach wie vor Fan einer Kulturflatrate.

Entry Filed under: Netzkultur, Urheberrecht

3 Comments Add your own

  • 1. Bücherfluch « Comm&hellip  |  November 7th, 2007 at 4:43 pm

    […] Nov 7th, 2007 by Silke Helfrich Da wir ja gerade in Rechtstheorie und -geschichte unterwegs waren hier eine Fundsache: Maike Richter von commonspage.net hat einen interessanten Beitrag zur, na sagen wir, “mittelalterlichen Durchsetzung der Urheberinteressen” gemacht. Sie schreibt vom Bücherfluch. Nicht verpassen! […]

  • 2. Silke Helfrich  |  November 7th, 2007 at 4:45 pm

    Liebe Maike, habe diesen spritzigen Beitrag (Danke!) auf unseren Commonsblog verlinkt.
    Grüsse
    Silke

  • 3. Meike  |  November 7th, 2007 at 10:20 pm

    Ja aber gerne, dazu sind Blogbeiträge schließlich da ;-).

Leave a Comment

Required

Required, hidden

Some HTML allowed:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


Categories

Blogroll

Feeds