Drei Tage Berlin

April 5th, 2009

Wie ich die re:publica 09 fand? Gut. Im Gegensatz zu mir jammern und schimpfen wohl einige über die Konferenz. Zu belanglos, unpolitisch, doof, kein Internet. Nölalarm! Gab es Themen, die mich vom Stuhl gerissen haben? Nein. Wie auch? Es gibt schlicht keine neuen Vom-Stuhl-Reißer-Themen. Die Phänome Blogs, Wikis, überhaupt soziale Medien, Creative Commons, Open Source, Kulturflatrate - hat alles einen meterlangen Bart. Nervt es mich, wenn Leute immer noch fragen, ob Blogs politisch relevant sind oder zum Trillionsten Mal die alberne Diskussion Blogger vs. Journalisten geführt wird? Maßlos! Nun bin ich seit Jahren in diesen Themengebieten zuhause. Da bin ich aber eine Minderheit. Es gibt viele, die diese Themen erst entdecken. Es ist wichtig, die Diskussionen mit den Neuankömmlingen zu führen und Wissen zu vermitteln. Spaß macht das nicht unbedingt, aber das Leben ist ungerecht.

Anstatt mich zu ärgern, in vielen Bereichen nichts Neues lernen zu können, freue ich mich lieber für die re:publica-Besucher, die Larry Lessig zum ersten Mal sehen konnten. Der Mann vertritt wichtige Positionen, und dass er seit Jahren den gleichen Vortrag hält, der mir aus den Ohren raushängt - hey, geschenkt! Ich treffe unterdessen Menschen, die ich selten sehe, und tausche mich über Internetzeugs aus. Diverse Redner hatten schlaue Gedanken parat. Hier und da fand ich Veranstaltungen total deppert (Twitterlesung zum Beispiel, sorry Jan), entgleiste Zeitpläne mag ich auch nicht. Mit den Subkonferenzen eHealth oder die IBM-Veranstaltungen konnte ich ebenfalls nix anfangen. Aber einer muss den Konferenzkram ja bezahlen. Durch demonstratives Schwänzen der gesponsorten Panels war für mich die Sache wieder im Lot.

Personal Best und Worst of re:publica: Rüdiger Weiss und seine Studenten haben mir ihr Projekt edumagnet.org gezeigt. Die großartige Esra’a Al Shafei und Mideastyouth.com entdeckt. Von Jimbo Wales erfahren, dass es ein Muppetwiki gibt. Von Julian Kücklich, dass es ein serious game mit dem Namen “Darfur is dying” gibt. Die Twitterlesung musste ich genervt und frühzeitig verlassen - Sauf- und Pubstweets sind mir zu mariobartig. Jan Schallaböck hat auf einer seiner Folien vor “Panoptic Providern” gewarnt. Gerne Cory Doctorow gehört. Der sagt zwar auch nichts Neues, aber produziert schöne Merksätze wie “You have to try new stuff, all the time, forever. Change is now a constant in media/ The internet ist the best collaboration machine we ever built/ Technology gives it, technology takes it away.” Wohlwollend beobachtet, wie ein gestandener Journalist einem unsicheren Zwanzigjährigen ermunterte, einfach politisch draufloszubloggen. Mein erstes Eis des Jahres gegessen (Cornetto Nuss). Till Kreutzers Ideen für ein neues Urheberrecht gelauscht. Erstaunt festgestellt, dass es eine ganz eigene Qualität hat, eine reine Frauenrunde auf einem Podium zu sehen (Mercedes Bunz, Esra’a Al Shafei, Mary C. Joyce). Will ich mehr von.

Ansonsten: Wie befürchtet miterlebt, wie das von mir moderierte Panel “Die Rolle des Staates in der digitalen Gesellschaft” etwas ausgefasert ist. 60 Minuten reichen natürlich nicht bei der weiten Fragestellung. Die Herren vom Innenministerium hatten keinen leichten Stand und mussten sich vom Publikum viel Kritik anhören. Es verdient Respekt, dass sie sich dem ausgesetzt haben - die Idee zum Panel kam nämlich von ihnen. Erwin Schwärzer, der für den erkrankten Martin Schallbruch eingesprungen ist, sprach den bemerkenswerten Satz: “Der Staat hat nichts davon, von Microsoft total abhängig zu sein.” Annette Mühlberg sorgte für Schmunzeln, als sie gegen Ende der Runde Verdi-Flyer über Netzpolitik an Jan Möller und Erwin Schwärzer verteilte und “großzügig” anbot, dem Ministerium beratend zur Seite zu stehen. Das Panel “Open-Source-Prinzip…” begann etwas chaotisch - mir hatte keiner verraten hatte, dass der Raum getauscht worden war. Ich habe es noch gefunden, und dann haben wir das Thema ganz gut beleuchtet, glaube ich.

Alles in allem: Ich hatte eine interessante Zeit. Ach ja, das mit dem nicht-funktionierendem Internet. Ich erwarte schon gar nicht mehr, dass es auf solchen Konferenzen läuft - bei der WOS oder den CCC-Konferenzen bekommen sie es auch nicht immer hin. Was soll ich herumsurfen, wenn spannende Menschen neben mir stehen?

Entry Filed under: Netzkultur, PddWb, Politische Geeks, Urheberrecht, Zitate

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  • 1. Arkora  |  April 6th, 2009 at 4:50 pm

    “Nun bin ich seit Jahren in diesen Themengebieten zuhause. Da bin ich aber eine Minderheit. Es gibt viele, die diese Themen erst entdecken. Es ist wichtig, die Diskussionen mit den Neuankömmlingen zu führen und Wissen zu vermitteln.”

    Sorry, wenn ich persönlich werde, aber das muss ich mal loswerden: Deine Selbstüberschätzung haut mich immer wieder um, jedes Mal aufs neue.

    Und in Bezug auf die re:publica: Es hätte mich auch gewundert, hier mal was Kontroverses zu lesen. Alles gut finden, was längst als gut abgehakt ist, finde ich jedenfalls langweilig.

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