Dem Fotografen den Tag ruiniert
July 4th, 2007
Heute habe ich einem Profi-Fotografen, dem netten C., den Tag versaut, vielleicht ein bisschen sein Berufsleben. Obwohl nicht ich an seiner Misere schuld bin, ich habe ihm bloß gezeigt, was fotomäßig im Internet geht. Ihm wurde plötzlich klar, dass er sein Geschäftsmodelle einpacken und bei ebay versteigern kann oder so. Es ist nutzlos, nutzloser, am nutzlosesten.
Ich habe C. erklärt, was creative commons ist und ihm auf flickr exzellente Bilder gezeigt, die unter der By-Lizenz stehen, wo die Urheber also auch die kommerzielle Nutzung zulassen.
C.s hat erstmal Bauklötze über die künstlerische Qualität der Bilder gestaunt. (Ich auch, zugegeben. Manchmal habe ich schon den Eindruck, dass cc das Urheberrecht der Dilettanten ist. Es gibt viel Nichtgelungenes, was ich lieber nicht angesehen/gehört hätte. Das ist eben so, wenn jeder die Freiheit hat, sich künstlerisch auszudrücken.) Und dann ging ihm auf, dass auch seine potentiellen Kunden von den Bildern begeistert wären - und sie kostenlos nutzen würden, anstatt ihn als Fotografen zu engagieren und zu bezahlen.
Kann ein Hamburger Profi-Fotograf mit dem weltweiten Bilderpool flickr konkurrieren, wo es viele tolle Motive gibt, und immer auch welche, die sogar die kommerzielle Nutzung erlauben? Nein, da brechen Märkte einfach weg. Und auf seine entgeisterte Frage: “Aber warum geben die Leute ihre Sachen umsonst weg?” weiß ich nur die Antwort, dass man im Internet nicht durch den Verkauf von Informationen verdient. Es herrscht halt keine Knappheit, Information wächst durch Teilung. Und Bilder sind eben auch nur Einsen und Nullen.
Die Fotografen erwischt es härter als die Musiker, Filmemacher oder Autoren:
Musik
Seit Thinner, Jamendo, Magantune etc wissen wir, dass man sehr wohl Geld verdienen kann, obwohl das Produkt frei erhältlich ist. Plus: Ich zum Beispiel kaufe mir immer noch CDs, auch wenn ich alles umsonst haben könnte. Ich will halt im Booklet lesen, wem der Künstler dankt (der Mama, der Freundin, im Falle von Amerikanern noch Gott).
Film
Film und Kino, das ist immer auch ein soziales Ereignis, da geht man hin, auch wenn jeder Streifen nur wenige Clicks entfernt kostenlos zu haben ist. Oder man hat keine Lust, sich das bittorrent runterzuladen, das kann auch nicht jeder. Oder man gibt seinen Film frei weg via Internet, nutzt aber videohoster wie blip.tv, die die Filmemacher vergüten. Gibt anscheinend einen Werbemarkt dafür.
Texte
Für Autoren ist das Netz keine Bedrohung, sondern ein Segen - können sie es doch als Öffentlichkeitsplattform nutzen, und da niemand am Bildschirm ein Buch liest, kaufen sich alle sowieso ein gebundenes Exemplar. Hat Cory Doctorow in diesem Interview wunderbar erklärt.
Bilder???
Pffff, keine Ahnung, wird eng. Bedarf an Fotografen wird es immer geben, für Auftragsarbeiten, aber sowas wie Mottobilder für den Geschäftskatalog holen sich sich die ehemaligen Kunden dann für lau bei flickr.
Ist cc also böse und beraubt der knipsenden Zunft ihre Zukunft?
Nein. Es vollzieht sich ein Paradigmenwechsel, und Immaterialgüter wie digitale Fotografien passen nicht in analoge Denkschemata und Geschäftsmodelle. Die Fotografen müssen sich andere Einnahmequellen suchen. Das ist natürlich beunruhigend und beängstigend. CC ist nicht dafür verantwortlich, wie die Menschen das Netz nutzen. Man könnte den CC-Vordenkern höchstens vorwerfen, dass sie die positiven Aspekte der sharing-economy überbetonen, während schwierige Aspekte wenig diskutiert werden. Letztlich kann aber keiner verlangen, dass cc & co. die Probleme derer lösen, die versuchen, in der digitalen Welt genauso weiterzuarbeiten, wie sie das vor dem Internet gemacht haben.
Klingt wenig tröstlich? Ich weiß. Man muss halt herumexperimentieren. So gesehen habe ich vielleicht seinen Tag geretten - jetzt weiß er, was auf ihn zukommt und kann sich drauf einstellen ;-).
Entry Filed under: Creative Commons, Netzkultur, Urheberrecht
5 Comments Add your own
1. mspro | July 5th, 2007 at 2:17 am
Ich hab da noch einen aufmunternden Tipp für Deinen Freund:
Der große und größer werdende und dazu auch noch sichere Markt für Fotographen sind Porträtbilder. Weil: die kann man schlecht bei Flickr finden und: bei all den Sozial-Networkplattformen, web2.0-Profilpages und Dating-Sites braucht es überall gute und schöne, aktuelle, vielleicht auch originelle und wenigstens ab und zu wechselnde Portraitfotos.
2. ::: eselkult.tk: Blog, ab&hellip | July 6th, 2007 at 3:31 am
[…] Commonspage.net » Dem Fotografen den Tag ruiniert (tags: CreativeCommons Bild) […]
3. Anita | July 6th, 2007 at 10:46 am
Ich habe gesehen das du auf mich gelinkt hast. Habe die by-license drin, weil ich nicht glaube, daß sehr viele Leute meine Blümchen und Hamster Bilder baruchen
Und wenn dann bin ich eher stolz drauf. Wenn man jedoch Models fotografiert, geht das natürlich nicht bzw. sollte nicht sein. Ich habe in einer Fotoredaktion gearbeitet wo ich auch auf der Seite des Kunden stand und stelle aus diesem Grund meine “vom Motiv her untauglichen” Fotos gern zur freien Verfügung.
4. Meike | July 7th, 2007 at 1:32 pm
Hallo Anita,
Bedarf an Bümchen und Hamstern ist da, so ist die Welt. Und keine falsche Bescheidenheit, du machst gute Bilder. Ich finde deine Einstellung, anderen die kommerzielle Nutzung deiner Bilder zu erlauben, ohne dass du davon profitierst, erstaunlich. Du hättest wirklich kein Probem damit, wenn z. B. die nächste Online-Kampagne von z. B. einem Joghurthersteller mit deinen Fotos bebildert würde, und du keine Vergütung erhälst? Finde ich außergewöhnlich. Die meisten Menschen, die cc nutzen, behalten die kommerziellen Rechte, damit genau sowas nicht passiert, Da bist du eine Ausnahme. Oder siehst du das als Weg,um als Fotografin bekannt zu werden?
5. Frank | August 9th, 2007 at 4:22 pm
Leider wird cc ja immer gleich mit freien Inhalten verwechselt. Wenn man tatsächlich gute Musik oder Bilder sucht, die auch für die kommerzielle Nutzung freigegeben sind, wird es recht dünn. Insofern bleiben die Inhalte unter der cc/nc ein geschlossener Kreislauf.
Leave a Comment
Some HTML allowed:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>
Trackback this post | Subscribe to the comments via RSS Feed