Überlegt und dagegen entschieden

July 15th, 2008

Ist es eine gute Idee, öffentlich-rechtliche Inhalte generell unter eine sehr freie Lizenz zu stellen? Z. B. unter eine cc-Lizenz, die die kommerzielle Nutzung erlaubt? Seit dem vorherigen Blogeintrag liegt meine Stirn in tiefen Denkfalten, den ganzen halben Tag Abend habe ich herumüberlegt.

Ich bin Fan davon, dass öffentlich-rechtliche Sender ihre Inhalte frei lizenzieren. Immerhin bezahlt uns die Allgemeinheit.* Darum sollen die geschätzten Gebührenzahler das Recht haben, die mit ihren Geldern finanzierten Filme, Radiobeiträge oder Texte zu nutzen. Nun kann man argumentieren: Auch Unternehmen wie die “Zeit” müssen an die GEZ überweisen. Darum sollte der Traum von Herrn Blau, Chefredakteur bei Zeit Online, wahr werden: Sein Unternehmen zahlt, darum sollte es öffentlich-rechtliche Beiträge nutzen & die Inhalte einbinden dürfen und damit kommerziell verwerten.

Das Argument ist gut. Aber es gibt andere Argumente, die diese Option als eine unglückliche entlarven.

Wenn Dritte einen Inhalt kommerziell nutzen, sollten Urheber in irgendeiner Form beteiligt werden. Normalerweise wird z.B. ein Online-Zuschlag gezahlt, das würde mit einer radikal freien Lizenz wegfallen. Ich hätte Bauchschmerzen, wenn ein Unternehmen wie die Zeit mit ehemals öffentlich-rechtlichen Inhalten munter Werbegelder einstreichen würde, davon aber nichts an die Urheber zurückfließt.

Stellen wir uns mal vor, die ö-r stellen plötzlich ihre Inhalte unter die CC-BY. Knausrige Verleger werden sofort das Programm “Wir müssen Kosten sparen!” abspulen, eigene Journalisten nach Hause schicken und für lau die ö-r Inhalte nutzen. Eine Verarmung der deutschen Medienlandschaft wäre die Folge. Sehr unattraktiv, dieses Szenario.

Ich als Privatperson bin also weiter dafür, dass ö-r Inhalte frei lizenziert werden. Aber die kommerzielle Nutzung sollte untersagt bleiben. Die Nutzung zu privaten Zwecken immer gerne.

CC-BY mit Kulturflatrate wiederum kann ich mir vorstellen.

*Mich auch, ein warmes Lächeln an dieser Stelle an alle Gebührenzahler. (Dieser Satz sollte als Disclaimer durchgehen.)

Entry Filed under: Creative Commons, Urheberrecht

9 Comments Add your own

  • 1. FFD  |  July 16th, 2008 at 12:03 am

    Hmm, ich grübele auch schon ein Weilchen darüber, und ich finde, die Idee ist einfach zu gut, sie so schnell aufzugeben. Ich oute mich auch als Anhänger der CC-BY, also der Freigabe für kommerzielle Weiterverwertung, weil ich glaube, daß auch Aggregatoren Geld an freien Inhalten verdienen können sollen, denn eine Aggregation ist auch Wertschöpfung.

    Die Frage ist, die du ja stellst, völlig berechtigt: Was passiert tatsächlich, wenn die öffentlich-rechtlichen ihre Inhalte unter freie Lizenz stellen würden? Die Medien würden sich in einer Art transformieren, die sich schwer vorherahnen läßt, zugegebenermaßen.

    Aber ich glaube nicht, daß dann die Bilds, RTLs, FAZ etc dieser Welt dann einfach dieser Inhalte bedienen würden, um billig ihr Programm zu bauen und ihre Autoren loszuwerden: 1. es gibt schon viele billige und breit verfügbare Inhalte (z.B. DPA), man würde also gar nicht so viel sparen, 2. und wichtiger: warum sollte noch jemand Bild, RTL, FAZ konsumieren - wenn es die gleichen Inhalte früher und schneller in den ÖR gibt? Oder netter im Meike-News-Portal oder irgendeinem Startup was eine tolle Aggregation mit schicken Community-Features baut?

    Stattdessen würde ich vermuten, daß eine viel stärkere Differenzierung forciert werden würde. Es gibt halt keine Bundesliga mehr in der ARD, sondern wieder auf SAT1. Beiden täte das gut. Die Bild-Zeitung wird weiter die niedrigen Instinkte bedienen, und so fort.

  • 2. jo  |  July 16th, 2008 at 2:07 am

    “Wenn Dritte einen Inhalt kommerziell nutzen, sollten Urheber in irgendeiner Form beteiligt werden.”

    Ich bin grundsätzlich - aus wenig selbstlose Motiven - ja deiner Meinung, aber: Im Gegensatz zu ihren “Kollegen”, die zum Beispiel für die Wikipedia schreiben, werden Mitarbeiter öffentlich-rechlicher Sender ja wenigstens entlohnt. Nicht fürstlich, aber weit besser, als die Sklaven in der privatrechtlichen Praktikantenmühle.

    Wir haben also auf der einen Seite das etablierte System der Wiederholungshonorare (vor allem bei den ÖRs, bei den Privaten haben da nur wenige was von) und auf der anderen Seite die Allmende (oder eben die privatrechtlichen Medien, die letztendlich auch für die Allmende liefern, sich das aber clever vergüten lässt).

    Das eigentliche Problem ist doch, dass die uns vorschwebende Alternative eine eher unrealistische Anhebung der Honorare für die Urheber ist. Hee, bei einer angemessenen Pauschale gebe ich gern. Greift zu! Nur, die müssten dann ja die ÖRs zahlen. Die ÖRs, die durch eine Freigabe weitgehend ihre Chance aufgeben, wieder etwas reinholen zu können.

    Wahrscheinlicher wäre daher ein Rechte-”Buy out”, wie es anderswo längst üblich ist (Ich habe einen Buy-Out-Vertrag unterschrieben, kann aber nicht meckern, da ich vom Blatt fair bezahlt werde).

    Also kaum mehr Geld, aber ein Verzicht auf Wiederholungs-/Nachdruckhonorare. Also quasi eine Freigabe für alles. Klingt nicht sonderlich sexy. So eine Allmende ist zwar toll für die Gesellschaft, bezahlt einem aber weder Brötchen noch Miete.

    Und was ist, wenn es irgendwann mal genug “freie Inhalte” gibt? Wie jetzt, genügend Inhalte? Ist das nicht absurd? Ja, finde ich auch, das war bekanntlich aber das Killerargument, warum ihr/die ÖRs Inhalte in ihren Mediatheken (bald) nur noch sieben Tage vorhalten dürfen …

    Und dann wäre da noch die Argumentation, die FFD oben angerissen hat: Wenn die Privaten öffentlich-rechtlich Inhalte geschenkt bekommen, warum sollten sie noch Urheber für die Erstellung eigener Inhalte bezahlen? Zumindest auf einen beachtlichen Teil könnte man irgendwann verzichten …

    Verzichten? Moment, dann haben ja alle die öffentlich-rechtlichen Inhalte? Genau. Das stört mich bereits beim WDR-/WAZ-Deal. Ein bisschen Pluralismus und Wettbewerb hätte ich mittelfristig nämlich schon noch gern.

    FFD: Die Bundesliga hat da wohl noch ein anderes Problem. Sie ist im Privatfernsehen wahrscheinlich nicht mehr zu finanzieren. Der Spaß ist einfach zu teuer und die Werbereichweite - gerade bei Sat.1 - ist einfach zu gering. Die großen Vereine sind, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, inzwischen auf Erlöse aus den Fernsehrechten angewiesen, die die Privaten wahrscheinlich nicht aufbringen können.

  • 3. Malte  |  July 16th, 2008 at 12:36 pm

    Moin,

    aber wenn Dritte die ö-r-Inhalte nehmen und mit Werbung abspielen dürften, warum sollte irgendein Zuschauer sich die dann anschauen wollen, wenn er sie 1. zu einem früheren Zeitpunkt und 2. ohne Werbeunterbrechung sehen konnte?

    Ich denke, dass genau das (die Nutzung schon bestehender Inhalte durch die Privaten) am Anfang passieren wird, aber am Ende die privaten Sender den Schaden hätten (weil sie erst Leute entlassen würden, um dann hinterher zu merken, dass man doch nur Geld verdienen kann, indem man was leistet).

    Nur meine zwei freiheitsliebenden Eurocents ;)

  • 4. Meike  |  July 17th, 2008 at 10:00 pm

    @FFD:

    weil ich glaube, daß auch Aggregatoren Geld an freien Inhalten verdienen können sollen, denn eine Aggregation ist auch Wertschöpfung.

    Klar ist Aggregation ein praktischer Service, und wer den bietet, soll daran verdienen. Aber Zeit Online ist kein Aggregator, sondern ein Medienunternehmen, das die Inhalte selbst anbieten will.

  • 5. Meike  |  July 17th, 2008 at 10:15 pm

    @Jo: Profi-Journalisten und Wikipedianer und Co. sehe ich nicht unbedingt als Konkurrenten. Die einen wollen von ihrer Arbeit leben, die andere betreiben ein Hobby. Wer gut ist, macht sein Hobby irgendwann zum Beruf.

    … und auf der anderen Seite die Allmende (oder eben die privatrechtlichen Medien, die letztendlich auch für die Allmende liefern, sich das aber clever vergüten lässt).

    Hä? Wieso tragen die Privaten zur Allmende bei?

    Das eigentliche Problem ist doch, dass die uns vorschwebende Alternative eine eher unrealistische Anhebung der Honorare für die Urheber ist. Hee, bei einer angemessenen Pauschale gebe ich gern. Greift zu! Nur, die müssten dann ja die ÖRs zahlen. Die ÖRs, die durch eine Freigabe weitgehend ihre Chance aufgeben, wieder etwas reinholen zu können.

    Nein, das sollten die Privaten an die Ö-R zahlen, die das dann an ihre Autoren weiterreichen. (Wenigstens ein paar Prozentchen!)

  • 6. jo  |  July 18th, 2008 at 3:44 am

    Profi-Journalisten und Wikipedianer und Co. sehe ich nicht unbedingt als Konkurrenten.

    Ich auch nicht, mein gedanklicher Ansatz war ein anderer: Wenn öffentlich-rechtliche Profis schon “vom Volk” bezahlt werden, dienen sie doch quasi bedingungslos dem großen Informationspool (der Allemende). Das ist im Prinzip genau das, was die Wikipedianer freiwillig und ohne Kompensation tun.

    Hä? Wieso tragen die Privaten zur Allmende bei?

    Vereinfacht gesagt, weil sie durch ihr Programm und ihre Produkte schon zwangsweise zur allgemeinen Meinungsbildung beitragen. Zum Beispiel durch Diskurse die durch einen Zeit-Artikel oder eine Bild-Schlagzeile entstehen (Ja, der Gedanke lässt die Schranke Copygebühr aussen vor und beschränkt sich nur auf die mediale Wirkung eine gesellschaftlich relevanten Publikation).

    Nein, das sollten die Privaten an die Ö-R zahlen, die das dann an ihre Autoren weiterreichen. (Wenigstens ein paar Prozentchen!)

    Klar, das wäre aus Autoren- und Urhebersicht der Idealfall. Und so, bzw. so ähnlich läuft es ja offenbar auch beim Deal zwischen der WAZ-Gruppe und dem WDR.

    Auf der anderen Seite ist da aber halt die von dir angezettelte Diskussion um Urheberrechte generell und von der Allgemeinheit durch Rundfunkgebühren finanzierte Inhalte, die “frei” sein sollen/sollten, im Speziellen. Wenn diese Inhalte wirklich frei sein sollen, dann eben - siehe das Beispiel Wikipedia - auch für die kommerzielle Auswertung.

  • 7. PatrickD  |  July 18th, 2008 at 7:19 am

    Auch ich muss dir widersprechen Mareike.

    1. Urheber sollten entlohnt werden, aber und das wurde schon genannt recht es vor allem bei fest angestellten (ich weiß das werden immer weiger) wenn dies einmal geschieht. Bei freien Mitarbeitern müsste das Honorar halt einmalig etwas höher sein

    2. Eine Alternative um die direkte Weiternutzung durch die Konkurrenz zu unterbinden wäre eine Schrankenregelung. Sechs Monate ist das Material “nur” unter CC-BY-NC veröffentlicht, nach sechs Monaten wird es unter CC-BY bereitgestellt, so dass auch beispielsweise Wikipedia von den Inhalten profitieren kann. Hier sollte mehr in die Untersuchung von alternativ Modellen investiert werden, als die kommerzielle Nutzung generell auszuschließen

    3. Weiteres Problem ist das gerade im Web 2.0 die Grenze zwischen einer kommerziellen Nutzung der der privaten sehr schnell verwischen können.

    4. Um das Prblem mit kommerzieller Musik zu umgehen könnten Verträge so geschlossen werden, das bei Verwendung vom kommerzzieller Musik eine Version ohne Vertonung bereitgestelt werden muss, die dann im etz veröffentlcht wird. Wenn das Material gut ist findet sich sicherlich schnell jemand der es freiwillig mit freier Musik vertont.

    Grundsätzlich finde ich die erste Schritte des NDR klasse, jedoch denke ich das das Potenzial das freie Lizenzen bieten noch lange nicht ausgeschöpft werden. Und wenn plötzlich freies Material zur Nutzung zur Verfügung gestellt werden, zahlt man plötzlich die GEZ Gebühr richtig gerne, wenn man weiß das es für einen guten Zweck ist.

  • 8. gnokii  |  August 1st, 2008 at 10:56 am

    mmh, also der Masse dürfte aufgewärmter Kaffee nicht schmecken und damit dürfte das Werbegeld dann nimmer fett sein.
    Das Szenario dürfte also weitergehen, die nach Hause geschickten Journalisten werden dann irgendwann wieder eingestellt, weil man doch auch eigene Berichte braucht und wenigstens die “geklauten” Inhalte so einpacken muss, das hinterher “Die Zeit” rauskommt….

  • 9. ximian  |  August 21st, 2008 at 1:27 am

    mmh, also der Masse dürfte aufgewärmter Kaffee nicht schmecken und damit dürfte das Werbegeld dann nimmer fett sein.

    Ack. Das ist genau der Punkt. Hier meine Argumente gegen NC: NC-lizensierte Inhalte kann ich beim besten Willen einfach nicht als frei betrachten und ich finde es schade, dass sich die CC-NC-Lizenzen einer solchen Beliebtheit erfreuen.

    1. Eines der faszinierendsten Dinge an FOSS, welches letztendlich auch maßgeblich deren Erfolg begründet, ist meiner Meinung nach der inzwischen fließende Übergang von bezahlten, “professionellen” Entwicklern und welchen, die das “nur mal so” als Hobby tun bzw. kompetenten Usern, die einen nervenden Bug oder ein Sicherheitsleck in einer Software einfach selbst entfernen können. Daher ist die - aufgrund ihrer Essenzialität von Stallman mit 0 nummerierte - Verwendungsfreiheit die Basis für eine freie Wissensgesellschaft, die über von der Kostenlos-Mentalität geprägte Communitys hinausreicht.

    2. NC ist eine Einbahnstraße: Einmal als NC lizensiert und oft genug remixed kann der Inhalt nie wieder kommerziell verwertbar werden, da es quasi unmöglich ist, die ganzen Urheber zwecks einer Relizensierung ausfindig zu machen. Geniale Projekte wie POV-Ray stehen zur Zeit genau vor diesem Problem. Insofern halte ich CC-ND- und CC-ND-NC-Lizenzen für unproblematischer als CC-NC und CC-NC-SA. Das frappante an der ganzen Geschichte ist, dass eine NC-Lizensierung sogar dem ursprünglichen Urheber selbst auf die Füße fallen könnte, wenn er mit oft remixten Inhalten von sich Geld verdienen möchte.

    3. “Kommerzielle Nutzung” ist schwammig: Selbst ein einziger Werbebanner auf meinem Blog macht mir die legale Einbindung von NC-Inhalten unmöglich. Ein gemeinnütziger Verein zum Beispiel, der durch den Verkauf einer CD mit freien Inhalten Spenden sammeln will, kann das nie tun, wenn dort NC-Inhalte darauf sind. Das NC-Attribut schränkt somit die Verbreitung der Inhalte massiv ein - was wohl in der Regel nicht im Sinne des Urhebers sein sollte.

    4. NC-Inhalte können nie den Weg auf eine “Truely Open Source”-Distribution finden, die z.B. den Debian-Free-Software-Guidelines unterliegt.

    5. Ausbeutung quasi nicht möglich: Wohl einer der Hauptgründe, die Nutzer zu einer NC-Lizensierung treibt, ist vermutlich die Angst vor kommerzieller Ausnutzung ihrer Inhalte. Doch warum würde jemand für etwas Geld bezahlen, das er auch kostenlos vom ursprünglichen Urheber bekommen könnte, wenn der Verwerter den Inhalt nicht - in welcher Form auch immer, sei es durch Dienstleistung oder zusätzliche Beigaben - entsprechend aufgewertet, veredelt hätte? Hat er das getan, ist es dann nicht auch legtim, wenn er dafür etwas bekommt - zumal er damit ja auch für den ursprünglichen Inhalt Werbung macht?

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